Kriegerinnenherz - Beltane


                                             Bild:Shotshop.com


Sie ist unheimlich. Diese luxuriöse Villa, die in weiss gehalten, jetzt in der Nacht golden beleuchtet ist, hat etwas an sich, dass einen schaudern lässt. Auch der Rest dieser Gegend ist irgendwie finster. Die Villa scheint die Zentrale dessen zu sein, was sich über den gesamten Stadtteil gelegt hat.

Der Schein trügt nicht. Das Haus ist tatsächlich eine Zentrale. Die, der Brothers of Hell, einer Gang, welche in der weltberühmten Cumbatsidat kämpft. Gerade jetzt herrscht in der Halle, wie das Untergeschoss genannt wird, ohrenbetäubender Lärm. Die Gang feiert Beltane, wie es sich für Hexen und Zauberer gehört. Alle Mitglieder der Gang, sowie die Frauen, die zwar der Gang zugehörig sind, aber nicht als Mitglieder gelten, sind zugegen. Na ja, fast alle. Eine fehlt. Die jüngste Schwester des Alphas. In ihrem Zimmer, im obersten Stock der Zentrale, brennt noch Licht. Sie ist gerade dabei, sich bereit zu machen, für die Beltanefeier. Jedoch nicht für jene, die gerade in der Halle ihren Siedepunkt erreicht. Für eine junge Hexe wie sie, die noch an keinen Zauberer gebunden ist, kann diese Art von Feier schnell einmal zu einem ernsthaften Problem werden. Auf besoffene, aufdringliche Brothers of Hell kann Ayla wirklich verzichten.

Noch einmal verstärkt sie den Schutzwall ihres Zimmers. Unter keinen Umständen darf heute jemand in ihr Zimmer eindringen und dabei feststellen, dass es leer ist. Leise öffnet Ayla das Fenster. Frische Nachtluft weht herein. Während es tagsüber bereits recht warm ist, kühlt es nachts noch immer ziemlich ab. Mit geübtem Griff befestigt sie ein Seil an dem dafür vorgesehenen Haken unterhalb des Fensterbretts. Behände klettert sie die Fassade hinunter. Lautlos landet Ayla auf dem Rasen. Ein leises Zischen von ihr, das Seil löst sich vom Haken und liegt auf einem Haufen zu ihren Füssen. Rasch hebt Ayla es auf und legt es in das nahe gelegene Gebüsch. Abermals zischt sie. Sogleich gräbt sich das Seil in den Boden ein. Im Schutz der Schatten verlässt Ayla den Park. Auch im angrenzenden Wohnquartier, meidet sie das Licht und sucht die Dunkelheit. Die Schutzkreise ihres Bruders verhindern, dass Ayla einfach durch ein Portal zu ihrem Ziel gelangen kann. Rich würde es merken und damit wäre das Theater vorprogrammiert. Ihr herrschsüchtiger Bruder ist nämlich der Überzeugung, dass Ayla sich in ihr Zimmer zurückgezogen hat. So wie sie es an Hexenfesten immer tut. Bis vor ungefähr drei Jahren hat sie das auch getan. Doch nun ist Ayla nicht mehr bereit, auf die Feste zu verzichten. Und sie will mit ihren Freunden feiern und nicht mit einer Horde betrunkener Gangmitglieder und in Gesellschaft der hohlbirnigen Frauen, welche diese umgeben. Schon beim Gedanken daran, schaudert Ayla. Sie hat die Grenze der Ganggebietes erreicht. Dicht vor dem Schutzkreis, den sie deutlich spüren kann, bleibt sie stehen. Mit einem tiefen Durchatmen wendet sich Ayla ihrem Inneren zu. Sie zieht alle ihre Magie in ihr Innerstes zurück. So kann sie durch den Schutzkreis treten, ohne dass Rich etwas davon mitbekommt. Ayla hastet noch einige Seitenstrassen weiter, bevor sie sich ein Portal erschafft und sich hineinfallen lässt.

Auf der Lichtung, mitten im Wald, auf der sie landet, ist die Feier bereits in vollem Gange. Freudvolle Musik, welche die ausgelassene Stimmung der Menschen noch unterstützt erfüllt den Ort. «Super, du hast es geschafft!» jubelt Fay neben Ayla und zieht sie in eine stürmische Umarmung. «Wenn du sie erwürgst, wird die Freude nur kurze Zeit währen.» brummt Dorn hinter der rothaarigen Hexe. Diese verdreht darauf nur die Augen, lässt Ayla jedoch los. Das gibt dieser die Gelegenheit, sich etwas umzusehen. Wie es sich für Beltane gehört, brennen überall auf der Waldlichtung kleinere und grössere Lagerfeuer. Um diese herum haben sich Hexen und Zauberer versammelt, sie braten Fleischspiesse und Schlangenbrot. Eine friedliche, glückliche Stimmung erfüllt die Lichtung. Es wird getanzt und gelacht. Die Black Wolves und die Dark Crow verstehen es zu feiern, das muss man ihnen lassen. Schon deshalb hat sich das Risiko, welches Ayla auf sich genommen hat, um herzukommen gelohnt. «Hältst du heute?», will Fay nun wissen. Ayla ist Haltende. In den Katakomben und im Hope, wie das magische Krankenhaus genannt wird, hält Ayla Seelen von Hexen und Zauberern, deren Körper gerade so versehrt sind, dass ihre Seelen sie zu verlassen drohen. Ayla ist eine der besten dieser besonderen Art von Heilerinnen. «Nein, Mick hat mir heute frei gegeben», beantwortet Ayla die Frage. Sogleich drückt ihr Dorn ein Bier in die Hand und grinst sie an. Sie erwidert sein Grinsen und prostet ihm zu. Fay hakt sich bei Ayla unter und führt sie zu der Gruppe, die unweit von ihnen um ein Feuer steht. Es sind jene Heilerinnen und Heiler die mit ihr zusammen Dienst in den Katakomben tun. Es sind besondere Hexen und Zauberer, die überhaupt in der Lage sind, die Kampfnächte in den Katakomben durchzustehen. Die Fähigkeit zu heilen allein reicht dort nicht aus. Und genau darum bedeutet es Ayla so viel, mit ihnen zusammen Beltane zu feiern. Das Fest der Erneuerung. Dankbarkeit durchflutet Ayla und mit einem glücklichen Lächeln tritt sie ans Feuer. Als erstes umarmt sie Filou, den Spassvogel der Crew. Dann fällt ihr die stürmische Cella um den Hals noch bevor Ayla Biene, die sich gerade mit Filou unterhält, begrüssen kann. Nachdem Ayla auch diese kurz an sich gedrückt hat, steht sie nun etwas ratlos vor Lee. Beide blicken sich an und zögern. Ein leiser Schmerz durchzuckt Ayla. Früher wäre es keine Frage gewesen, wie sie Lee begrüsst. Doch Lee hat sich so sehr von ihr abgewendet, dass Ayla nicht weiss, ob es ihm recht wäre, wenn sie ihn genauso umarmt, wie alle anderen. Zum ersten Mal seit langer Zeit treffen sich ihre Blicke. Und für Ayla ist alles wieder da. Dieses tiefe Vertrauen, diese Nähe ihrer Seelen. Ayla glaubt ein leises «Scheiss drauf!» zu hören, bevor Lee die Distanz zwischen ihnen überbrückt und sie in seine Arme zieht. Und damit ist für Ayla klar, dass Lee genau dasselbe fühlt, wie sie. Für einen kurzen Moment scheint für sie die Welt still zu stehen. Sie bemerkt, dass er seine Nase in ihren Haaren vergräbt und tief einatmet. Unwillkürlich tut sie es ihm gleich und riecht zum ersten Mal seit langem wieder seinen ihm eigenen Duft. Für Ayla riecht er wie eine Sommernacht. Genauso gehaltvoll, nach Wiese, nach von der Sonne erwärmtem Wasser und reifen Früchten. So intensiv seine Umarmung auch ist, ebenso kurz ist sie. Abrupt lässt er sie los und zieht sich vom Feuer in die Dunkelheit zurück. Ayla versucht nicht, ihn aufzuhalten, obwohl das ihr erster Impuls ist. Stattdessen wendet sie sich Cella zu, die ihr gerade etwas von ihrem Fleischspiess anbietet. Und als sie Dorn herausfordernd ihre leere Bierflasche hinstreckt, erhält sie umgehend eine neue. Sie wird diese Nacht geniessen. Daran wird auch Mister, «Ich - verwirre - alle – mit – meinen – Aktionen» nichts ändern. «Kommt, wir müssen weiter nach vorne. Ich habe Ila versprochen, dass sie uns sehen wird, wenn sie singt!» eröffnet Fay nach einer Weile. «Dorn, geh du voran und mach uns den Weg frei.» fordert sie den Ihren auf. Dieser grummelt etwas, das wie «kommandier mich hier nicht herum, Frau!» klingt, bevor er Fay an sich reisst und ihre Lippen mit einem intensiven Kuss bedeckt. Ayla, die neben den beiden steht, geht ein wenig zur Seite. Sie will die beiden in ihrer Leidenschaft nicht stören. Sein Geruch umhüllt sie wieder. So muss Ayla sich gar nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie direkt vor Lee steht. Er weicht nicht zurück. Im Gegenteil, er rückt sogar noch näher an sie heran. Gerade als Ayla ihn fragen will, was zur Hölle das schon wieder soll, setzt sich die Gruppe in Bewegung. Natürlich führt Dorn, wie von Fay gefordert, diese an. Trotzdem kommen sie in der Menge nur mühsam voran. Als sie einen Augenblick im Gedränge stehen bleiben müssen, spürt Ayla Lees warme Hand auf dem Rücken. Diese bleibt dort, bis die Gruppe ihr Ziel, dicht vor der Bühne erreicht hat. Ayla fühlt sich beraubt, als Lee seine Hand wegzieht. Entnervt macht Ayla einen Schritt von Lee weg. Ist ihm jetzt plötzlich wieder aufgefallen, dass sie keine dieser Tussis ist, mit denen Lee normalerweise herumspielt? Vielleicht sollte sie ihn das wirklich fragen. Da betritt bereits «Wolfblood» die Bühne. Wie alle andern blickt auch Ayla gebannt auf die zierliche schwarzhaarige Hexe, die im Scheinwerferlicht steht. Ein elfenbeinfarbenes Leuchten geht von ihr aus, es wird noch stärker, als sie zu singen beginnt. «Sie ist so unglaublich gewachsen. Also ich meine als Heilerin. Ansonsten ist sie so klein wie immer.» Trotz seiner flapsigen Worte ist in Filous Stimme echte Bewunderung zu hören. Ayla nickt nur und lässt sich von Ilas wunderschönem Gesang davontragen. «Sie sieht glücklich aus», stellt Fay zufrieden fest. «Wenn es anders wäre, würde ich Cael den Arsch aufreissen», erklärt Dorn, der seinen Arm von hinten um ihren Hals geschlungen hat. Missbilligend und spielerisch beisst Fay ihn in den Arm. Dorn knurrt, senkt seinen Kopf und murmelt in ihr Ohr: «Dafür wirst du noch bezahlen, meine Hexe.» Fay lacht nur. Ayla, die direkt neben ihr steht, hat die Unterhaltung mitbekommen. Sie kann das Glück dieser beiden Menschen spüren. Dieses Vertrauen, diese Verbundenheit, diese Geborgenheit kennt Ayla nicht. Und es gibt nichts, was sie sich gerade mehr wünschen würde. Unwillkürlich macht sie einen Schritt zurück und stösst an einen Männerkörper, der ihr nur allzu vertraut ist. Sofort will sie wieder auf Abstand gehen, doch da schlingt Lee seine Arme um sie und zieht sie noch näher an sich heran. Ayla bleibt beinahe das Herz stehen. Ihn so nah zu spüren, seine Wärme, seinen Körper, der nicht so hart ist, wie jener eines Kämpfers, zwar durchaus trainiert, doch eher elastisch, beweglich. Noch ehe Ayla sich ganz klar werden kann, was gerade geschieht, schiebt sich Lees Hand unter ihr Shirt. Ganz zart streicht er über ihre weiche Haut. Diese Berührung lässt Ayla erschauern. Genau unter ihrem Brustansatz lässt Lee seine Hand liegen. Sie dreht sich zu ihm um und blickt ihn verwirrt an. «Was tust du da?», fragt sie, so leise, dass auch er sie kaum verstehen kann. «Heute ist Beltane. Was an Beltane geschieht, bleibt an Beltane. Das sollten wir nutzen», wispert er an ihrem Hals, bevor er sie dort küsst. Ayla versteht, was er ihr sagen will. Eine Nacht. Er gibt ihnen beiden genau diese eine Nacht. Sie sollte sich von ihm losreissen. Seine Hand von ihrem Körper zerren. Ihn anschreien und ihm klar machen, dass sie keine von seinen Schlampen ist, mit denen er es ständig treibt. Aber sie kann nicht. Zu sehr geniesst sie seinen Körper an ihrem. Zu gut fühlt sich seine Hand so nahe an ihrer Brust an. Vielleicht ist es auch die Musik von Wolfblood, die Stimmung, die Ilas Stimme gerade auf der Lichtung erzeugt. Der Frieden, den sie verbreitet. Denn auch wenn Ayla tief in ihrem Innersten weiss, dass das nicht reichen wird, lässt sie sich darauf ein. Sie hebt ihre Arme nach hinten und zieht seinen Kopf zu sich herunter «Dann lass uns sehen, was uns diese Nacht noch bringt», flüstert sie ihm ins Ohr. Bevor sie ihn loslässt, streift sie flüchtig seine Lippen. 

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